Erste Schritte

Erschöpfung bei pflegenden Angehörigen vorbeugen

Warnzeichen der Überlastung, Entlastung im Alltag, Leistungen und Beratungsstellen sowie ein Notfallplan für den Fall, dass Sie ausfallen.

Erschöpfung lässt sich am besten verhindern, wenn Sie Warnzeichen früh ernst nehmen, die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen und Auszeiten fest einplanen, bevor nichts mehr geht. Beratungsstellen, Pflegekasse und Angehörigengruppen zeigen Ihnen, welche Entlastung Ihnen zusteht. Auch bei psychischen Erkrankungen kann ein Pflegegrad und damit Anspruch auf Unterstützung bestehen.

Dieser Artikel richtet sich an Menschen, die einen psychisch erkrankten Angehörigen begleiten, versorgen oder pflegen: Eltern erwachsener Kinder mit Psychose, Partnerinnen von Menschen mit schwerer Depression, Kinder von Eltern mit Demenz oder Sucht. Weitere Grundlagen finden Sie auf der Seite Erste Schritte für Angehörige.

Warum diese Form der Pflege so erschöpft

Wer einen psychisch kranken Menschen begleitet, leistet oft eine Pflege, die niemand sieht. Es geht seltener um Waschen und Anziehen, sondern um Motivieren, Erinnern, Beruhigen, Begleiten zu Terminen, Organisieren und ständige Aufmerksamkeit. Dazu kommen Belastungen, die bei körperlichen Erkrankungen weniger stark sind:

  • Unberechenbarkeit: Gute und schlechte Phasen wechseln, Krisen kommen oft ohne Vorwarnung.
  • Fehlende Krankheitseinsicht: Hilfe wird abgelehnt, Angehörige erleben sich als Feind statt als Unterstützung.
  • Konflikte: Gereiztheit, Misstrauen oder Rückzug richten sich oft gegen die nächsten Menschen.
  • Stigma: Viele Familien sprechen aus Scham nicht offen über die Erkrankung und bleiben mit der Last allein.
  • Dauer: Psychische Erkrankungen verlaufen häufig über Jahre, ein Ende der Aufgabe ist nicht absehbar.

Warnzeichen bei sich selbst erkennen

Erschöpfung entwickelt sich schleichend. Achten Sie auf diese Signale:

  • Sie schlafen schlecht oder wachen nachts mit kreisenden Gedanken auf.
  • Sie sind dauerhaft müde, auch nach freien Tagen.
  • Sie reagieren gereizt, ungeduldig oder weinen schneller als früher.
  • Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Magenprobleme oder Infekte häufen sich.
  • Eigene Arzttermine, Hobbys und Freundschaften fallen weg.
  • Sie greifen häufiger zu Alkohol, Schlaf- oder Beruhigungsmitteln.
  • Sie fühlen sich ständig zuständig und schuldig, wenn Sie einmal an sich denken.
  • Der Gedanke „Ich kann nicht mehr“ kommt immer öfter.

Viele Angehörige bemerken diese Zeichen erst spät, weil sie den Blick ganz auf den erkrankten Menschen richten. Hilfreich ist ein fester Moment, etwa einmal im Monat, an dem Sie sich ehrlich fragen, wie es Ihnen selbst geht. Manche notieren dazu kurz Schlaf, Stimmung und freie Zeiten in einem Kalender. So fällt eher auf, wenn sich etwas schleichend verschlechtert.

Eine einfache Ampel kann helfen, die eigene Lage einzuordnen:

Stufe Typische Lage Was jetzt sinnvoll ist
Grün Belastet, aber Sie erholen sich in freien Zeiten Auszeiten beibehalten, vorsorgen, Informationen sammeln
Gelb Erholung gelingt kaum noch, erste körperliche Beschwerden, Rückzug Beratung suchen, Aufgaben abgeben, Entlastungsleistungen beantragen
Rot Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, Gesundheit leidet deutlich Ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe für sich selbst, Versorgung des Angehörigen neu organisieren

Was im Alltag entlastet

  1. Aufgaben aufschreiben: Notieren Sie eine Woche lang, was Sie alles übernehmen. Viele Angehörige sind überrascht, wie lang die Liste ist.
  2. Verteilen: Prüfen Sie, was Geschwister, Freunde, Nachbarn oder Fachdienste übernehmen können. Bitten Sie konkret, nicht allgemein.
  3. Selbstständigkeit fördern: Übernehmen Sie nicht, was Ihr Angehöriger selbst kann, auch wenn es langsamer geht.
  4. Feste Auszeiten: Planen Sie regelmäßige freie Zeiten wie Termine ein und verteidigen Sie sie.
  5. Wissen aufbauen: Wer die Erkrankung versteht, reagiert gelassener. Psychoedukation für Angehörige bieten viele Kliniken an.
  6. Grenzen benennen: Sagen Sie freundlich und klar, was Sie leisten können und was nicht.

Gefühle, die dazugehören

Viele pflegende Angehörige schämen sich für Gefühle, die sie für unerlaubt halten: Wut auf den erkrankten Menschen, Trauer um das Leben, das sie sich anders vorgestellt hatten, Neid auf Familien ohne diese Sorgen, manchmal den Wunsch, einfach wegzulaufen. Diese Gefühle sind keine Zeichen von Lieblosigkeit. Sie sind eine normale Reaktion auf eine dauerhafte Überforderung.

Problematisch wird es, wenn solche Gefühle keinen Platz bekommen und sich aufstauen. Dann entladen sie sich oft in Streit oder richten sich als Schuldgefühl gegen Sie selbst. Hilfreich ist, sie auszusprechen, bei einer Vertrauensperson, in einer Gruppe oder in einer Beratung. Wer über Wut sprechen darf, muss sie seltener am erkrankten Menschen auslassen.

Beruf und Begleitung vereinbaren

Viele Angehörige sind berufstätig und versuchen, Arbeit und Begleitung nebeneinander zu stemmen. Es kann sinnvoll sein, die Situation im Betrieb anzusprechen, zumindest gegenüber einer Vertrauensperson, der Personalabteilung oder dem Betriebsrat. Manche Arbeitgeber ermöglichen flexible Arbeitszeiten oder mobiles Arbeiten. Für akute Pflegesituationen und längere Pflegephasen gibt es gesetzliche Freistellungsmöglichkeiten, deren Bedingungen sich nach Betriebsgröße und Situation richten. Geben Sie Ihre Arbeit nicht vorschnell auf: Sie bedeutet Einkommen, Kontakte und ein Stück Leben außerhalb der Erkrankung.

Entlastung, die Ihnen zustehen kann

Viele Familien nutzen Leistungen nicht, weil sie sie nicht kennen oder denken, sie gälten nur für körperlich Kranke. Ein Überblick:

Angebot Worum es geht Wo Sie nachfragen
Pflegeberatung Kostenlose Beratung zu Pflegegrad, Leistungen und Anträgen Pflegekasse, Pflegestützpunkt
Pflegegrad Auch bei psychischen Erkrankungen möglich, Grundlage für Pflegegeld und Entlastungsleistungen Antrag bei der Pflegekasse
Entlastungsbetrag Monatlicher Betrag für anerkannte Unterstützungsangebote im Alltag Pflegekasse
Verhinderungs- und Kurzzeitpflege Ersatzpflege, wenn Sie Urlaub machen oder krank sind Pflegekasse
Ambulante psychiatrische Pflege und Soziotherapie Fachkräfte unterstützen die erkrankte Person zu Hause, auf ärztliche Verordnung Behandelnde Fachärztin oder Klinik
Eingliederungshilfe Assistenz beim Wohnen, im Alltag und bei der Teilhabe Zuständiger Träger der Eingliederungshilfe, Beratung beim Sozialpsychiatrischen Dienst
Sozialpsychiatrischer Dienst Kostenlose Beratung, auch Hausbesuche und Krisenhilfe Gesundheitsamt der Stadt oder des Kreises
Pflegezeit und Familienpflegezeit Freistellung oder Reduzierung der Arbeitszeit für die Pflege Arbeitgeber, Beratung bei der Pflegekasse

Die genauen Beträge und Bedingungen ändern sich regelmäßig. Lassen Sie sich die aktuelle Rechtslage von der Pflegeberatung erklären. Wo Sie welche Fachstelle finden, steht auf der Seite Hilfe finden.

Austausch mit anderen Familien

Viele Angehörige sagen, dass ihnen nichts so geholfen hat wie andere Menschen in derselben Lage. In Angehörigengruppen müssen Sie nichts erklären, Sie bekommen praktische Tipps und erleben, dass Sie mit Ihren Gefühlen nicht allein sind. Telefonische Beratung von Angehörigen für Angehörige bietet das SeeleFon des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen unter 0228 71 00 24 24. Wie Sie eine passende Gruppe finden, lesen Sie unter Selbsthilfe.

Wenn Sie selbst krank werden

Dauerhafte Überlastung kann krank machen. Angehörige psychisch kranker Menschen haben selbst ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen und körperliche Erkrankungen. Wenn die Warnzeichen über Wochen anhalten, sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Eine eigene Psychotherapie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Investition, damit Sie langfristig da sein können.

Wenn Sie in einer akuten Krise sind oder an Suizid denken, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. In Lebensgefahr wählen Sie den Notruf 112.

Vorsorgen für den Fall, dass Sie ausfallen

Viele pflegende Angehörige quält die Frage, was passiert, wenn sie selbst krank werden oder einen Unfall haben. Ein schriftlicher Notfallplan nimmt viel von dieser Angst:

  • Wer kann kurzfristig einspringen, und weiß diese Person, was zu tun ist?
  • Wo liegen wichtige Unterlagen, Medikamentenplan, Kontaktdaten von Ärztinnen, Klinik und Diensten?
  • Gibt es Vollmachten oder eine rechtliche Vertretung für Ihren Angehörigen?
  • Welche Fachdienste sind bereits eingebunden und könnten mehr übernehmen?
  • Was sind die wichtigsten Gewohnheiten und Warnzeichen Ihres Angehörigen?

Für sich selbst zu sorgen ist kein Egoismus. Es ist die Voraussetzung dafür, dass Sie Ihren Angehörigen über lange Zeit begleiten können, ohne selbst daran zu zerbrechen.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Gibt es einen Pflegegrad auch bei psychischen Erkrankungen?
Ja, das ist möglich. Bei der Begutachtung zählt, wie selbstständig ein Mensch im Alltag ist. Dabei werden auch kognitive Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen sowie der Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen berücksichtigt. Ob ein Pflegegrad erreicht wird, hängt vom Einzelfall ab. Den Antrag stellt die pflegebedürftige Person oder ihre Vertretung bei der Pflegekasse.
Woran merke ich, dass ich als Angehöriger überlastet bin?
Typische Zeichen sind anhaltende Müdigkeit, Schlafprobleme, Gereiztheit, Rückzug von Freunden, häufige körperliche Beschwerden und das Gefühl, ständig in Bereitschaft zu sein. Wenn Sie über Wochen kaum noch Freude empfinden, mehr Alkohol trinken oder denken, dass Sie nicht mehr können, sollten Sie sich ärztlich oder psychotherapeutisch beraten lassen.
Habe ich als pflegender Angehöriger Anspruch auf eine Kur?
Pflegende Angehörige können Leistungen zur medizinischen Vorsorge oder Rehabilitation bei ihrer Krankenkasse beantragen, wenn dies medizinisch notwendig ist. Den Antrag unterstützt in der Regel die Hausarztpraxis. Es gibt Einrichtungen, in denen die pflegebedürftige Person während der Maßnahme mitversorgt werden kann. Die Details klärt die Krankenkasse.
Wer berät mich kostenlos zu Entlastungsangeboten?
Pflegekassen sind verpflichtet, eine kostenlose Pflegeberatung anzubieten. Vielerorts gibt es außerdem Pflegestützpunkte. Bei psychischen Erkrankungen sind der Sozialpsychiatrische Dienst, Angehörigengruppen und das SeeleFon des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen gute Anlaufstellen.

Quellen und Grundlagen

  • Sozialgesetzbuch XI (Soziale Pflegeversicherung): Pflegeberatung, Pflegegrade, Entlastungsleistungen
  • Bundesministerium für Gesundheit: Informationen für pflegende Angehörige
  • Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK): SeeleFon und Angebote für Familien
  • DGPPN: S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen

Diese Seite ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Sie erklärt allgemeine Zusammenhänge; wie es im Einzelfall weitergeht, klären Betroffene und Angehörige mit den behandelnden Fachleuten. Hinweise auf Fehler nehmen wir über die Kontaktseite gerne entgegen.

Zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026 von der Redaktion Lichtblick.