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Selbsthilfe und Angehörigengruppen

Wie Gruppen für Betroffene und Angehörige arbeiten, was Psychoedukation bringt und wie Sie eine Gruppe finden.

Die Selbsthilfe hat in der deutschen Psychiatrie eine lange Geschichte. Seit den 1970er- und 1980er-Jahren haben sich Angehörige psychisch erkrankter Menschen in Gruppen und Verbänden zusammengeschlossen, um sich gegenseitig zu stützen und ihre Erfahrungen in die Versorgung einzubringen. Auch die frühere Online-Zeitung unter dieser Adresse kam aus diesem Umfeld. Heute sind Selbsthilfegruppen ein anerkannter Teil des Hilfesystems.

Was eine Selbsthilfegruppe ausmacht

Eine Selbsthilfegruppe ist ein Zusammenschluss von Menschen, die ein gemeinsames Anliegen haben und sich regelmäßig treffen, oft alle zwei bis vier Wochen. Es gibt keine Therapeutin, die leitet, sondern die Gruppe organisiert sich selbst. Viele Gruppen haben eine Ansprechperson, die einlädt und den Rahmen hält.

Für Angehörige psychisch erkrankter Menschen sind Gruppen aus mehreren Gründen hilfreich:

  • Sie treffen Menschen, die ähnliche Situationen kennen und nicht erst überzeugt werden müssen.
  • Scham und Schuldgefühle werden kleiner, wenn andere offen darüber sprechen.
  • Sie erfahren ganz praktisch, wie andere mit Ämtern, Kliniken und Krisen umgegangen sind.
  • Sie erleben, dass auch nach schweren Zeiten wieder Stabilität möglich ist.
  • Sie haben einen Ort, an dem Ihre eigenen Bedürfnisse zählen.

Es gibt Gruppen für Angehörige, für Betroffene und gemischte Formen. Manche richten sich an bestimmte Erkrankungen wie Psychosen, Depression oder bipolare Störung, andere an bestimmte Angehörige wie Eltern, Partner oder erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern.

Psychoedukation: Wissen, das entlastet

Psychoedukation bedeutet, Betroffenen und Angehörigen verständlich zu erklären, was eine Erkrankung ausmacht, wie Behandlung wirkt und wie man Rückfällen vorbeugt. Viele psychiatrische Kliniken bieten dafür Gruppen an, die über mehrere Termine laufen, getrennt für Betroffene und für Angehörige.

Typische Themen sind:

  1. Entstehung der Erkrankung und das Vulnerabilitäts-Stress-Modell
  2. Symptome und Verlauf
  3. Medikamente: Wirkung, Nebenwirkungen, Fragen an die Ärztin
  4. Psychotherapie und weitere Behandlungsbausteine
  5. Frühwarnzeichen und Krisenplan
  6. Umgang im Alltag und eigene Entlastung

Für die Schizophrenie empfiehlt die Fachgesellschaft DGPPN in ihrer Leitlinie, Angehörige in Psychoedukation und Familieninterventionen einzubeziehen, weil das Rückfälle nachweislich verringert. Fragen Sie in der behandelnden Klinik oder Ambulanz gezielt nach Angehörigengruppen.

Trialog: Betroffene, Angehörige und Fachleute

Eine Besonderheit der deutschsprachigen Psychiatrie sind die Psychoseseminare, auch Trialog genannt. Dort sprechen Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Fachleute gleichberechtigt miteinander, ohne Behandlungsauftrag. Viele Teilnehmende berichten, dass sie die Sicht der anderen Seite dort zum ersten Mal wirklich verstanden haben. Trialogische Seminare gibt es in zahlreichen Städten, oft angebunden an Volkshochschulen oder Kliniken.

So finden Sie eine Gruppe

  • Selbsthilfekontaktstellen: In fast allen Städten und Landkreisen gibt es Kontaktstellen, die wissen, welche Gruppen es vor Ort gibt. Eine bundesweite Übersicht bietet die NAKOS.
  • Landesverbände der Angehörigen: Die Landesverbände unter dem Dach des BApK vermitteln Angehörigengruppen.
  • Kliniken und Ambulanzen: Viele bieten eigene Angehörigengruppen oder kennen Gruppen in der Region.
  • Sozialpsychiatrischer Dienst: kennt die regionalen Angebote, siehe Hilfe finden.
  • Online-Angebote: Moderierte Foren und Videogruppen sind eine Alternative, wenn es vor Ort nichts gibt.

Das erste Treffen

Viele zögern vor dem ersten Besuch. Das ist normal. Rufen Sie die Ansprechperson vorher an; das nimmt Unsicherheit. Beim ersten Treffen stellen sich die Teilnehmenden in der Regel kurz vor, Sie können aber auch nur zuhören. Geben Sie einer Gruppe zwei oder drei Treffen, bevor Sie entscheiden, ob sie passt. Gruppen unterscheiden sich in Stimmung und Stil, und es ist kein Problem, eine andere auszuprobieren.

Was Selbsthilfe nicht leisten kann

Selbsthilfegruppen ersetzen keine Behandlung und keine Krisenintervention. Sie sind eine Ergänzung. Wenn eine Situation akut wird, gelten die Wege, die auf der Seite Psychische Krise beschrieben sind. Gute Gruppen verweisen in solchen Fällen selbst auf professionelle Hilfe.

Achten Sie außerdem darauf, dass eine Gruppe keine Heilsversprechen macht, nicht pauschal von jeder Behandlung abrät und keine Mitgliedschaften oder Zahlungen verlangt, die über einen kleinen Kostenbeitrag hinausgehen. Hinter vermeintlicher Selbsthilfe verbergen sich gelegentlich auch Gruppen mit eigenen weltanschaulichen Interessen.

Selbsthilfe für sich selbst

Selbsthilfe beginnt nicht erst in der Gruppe. Angehörige, die ihre eigenen Grenzen kennen, Pausen einplanen und Hilfe annehmen, bleiben auf Dauer handlungsfähig. Anregungen dazu stehen auf der Seite Erste Schritte für Angehörige. Wer lieber liest, findet in den Buchempfehlungen Erfahrungsberichte und Ratgeber.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Muss ich in der Gruppe über alles sprechen?
Nein. In Selbsthilfegruppen entscheidet jeder selbst, wie viel er erzählt. Viele hören bei den ersten Treffen vor allem zu. Was in der Gruppe besprochen wird, bleibt in der Gruppe; das ist eine der wichtigsten Regeln.
Kostet die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe etwas?
In der Regel nicht. Selbsthilfegruppen werden ehrenamtlich organisiert; manche bitten um einen kleinen Beitrag für Raummiete oder Kaffee. Gesetzliche Krankenkassen fördern die Selbsthilfe finanziell.
Was ist der Unterschied zwischen Selbsthilfegruppe und Psychoedukation?
Eine Selbsthilfegruppe wird von Betroffenen oder Angehörigen selbst getragen; im Mittelpunkt stehen Erfahrungsaustausch und gegenseitige Unterstützung. Psychoedukation ist ein strukturiertes Angebot, meist von Kliniken, bei dem Fachleute über Erkrankung, Behandlung und Rückfallvorbeugung informieren.

Quellen und Grundlagen

  • NAKOS, Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
  • Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) und seine Landesverbände
  • Sozialgesetzbuch V, § 20h: Förderung der Selbsthilfe
  • DGPPN: S3-Leitlinie Schizophrenie, Empfehlungen zu Psychoedukation und Familieninterventionen

Diese Seite ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Sie erklärt allgemeine Zusammenhänge; wie es im Einzelfall weitergeht, klären Betroffene und Angehörige mit den behandelnden Fachleuten. Hinweise auf Fehler nehmen wir über die Kontaktseite gerne entgegen.

Zuletzt überarbeitet am 27. Oktober 2026 von der Redaktion Lichtblick.