Psychische Krise: Was Angehörige jetzt tun können
Notrufnummern, Suizidgedanken ansprechen, ruhig bleiben, Hilfe holen und vorsorgen mit einem Krisenplan.
Eine psychische Krise kann plötzlich kommen oder sich über Tage zuspitzen. Ein Mensch äußert, nicht mehr leben zu wollen, ist völlig verwirrt, hat seit Tagen nicht geschlafen oder ist so verzweifelt, dass er sich nicht mehr selbst helfen kann. Für Angehörige sind solche Momente beängstigend. Diese Seite sagt, was jetzt zu tun ist, und wie Familien für künftige Krisen vorsorgen können.
Sofort handeln: wann der Notruf richtig ist
Rufen Sie den Notruf 112, wenn
- Ihr Angehöriger einen Suizid ankündigt, konkrete Vorbereitungen getroffen oder sich bereits verletzt hat,
- er Medikamente, Drogen oder Alkohol in gefährlicher Menge genommen haben könnte,
- er sich oder andere akut gefährdet oder bedroht,
- er völlig verwirrt ist und nicht mehr sicher für sich sorgen kann.
Schildern Sie am Telefon ruhig, was passiert ist, und sagen Sie, dass es sich um eine psychische Krise handelt. Bleiben Sie, wenn es für Sie sicher ist, bei der Person, bis Hilfe da ist. Wenn Sie selbst bedroht werden, bringen Sie sich in Sicherheit.
Wenn es nicht lebensbedrohlich ist
Nicht jede Krise ist ein Fall für den Rettungsdienst. Wenn die Lage angespannt, aber nicht unmittelbar gefährlich ist, gibt es andere Wege:
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr, kostenfrei, anonym. Auch Angehörige können anrufen und sich beraten lassen. Es gibt auch Angebote per Chat und Mail.
Psychiatrische Notaufnahme: Psychiatrische Kliniken mit regionalem Versorgungsauftrag sind rund um die Uhr ansprechbar. Sie können mit Ihrem Angehörigen direkt dorthin fahren.
Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117, wenn Haus- und Fachpraxen geschlossen sind.
Krisendienste: In manchen Regionen gibt es psychiatrische Krisendienste mit eigener Telefonnummer, die auch nachts beraten und teilweise ausrücken. Ob es einen in Ihrer Region gibt, weiß der Sozialpsychiatrische Dienst.
Suizidgedanken ansprechen
Viele Angehörige scheuen sich, das Wort Suizid in den Mund zu nehmen. Die Sorge, jemanden erst auf die Idee zu bringen, ist unbegründet. Ein offenes Gespräch entlastet. Hilfreich ist:
- Direkt fragen: „Denkst du daran, dir das Leben zu nehmen?“ Klare Worte zeigen, dass Sie es aushalten.
- Zuhören, ohne zu bewerten: Keine Vorwürfe, keine schnellen Ratschläge, kein „So schlimm ist es doch nicht“.
- Nachfragen: Wie konkret sind die Gedanken? Gibt es einen Plan, Mittel, einen Zeitpunkt? Je konkreter, desto dringender.
- Nicht allein lassen: Bleiben Sie da oder sorgen Sie dafür, dass jemand anderes da ist.
- Hilfe holen: Gemeinsam die Telefonseelsorge anrufen, in die Klinik fahren oder bei akuter Gefahr 112 wählen.
- Mittel entfernen: Wenn möglich, Medikamentenvorräte, Waffen und andere gefährliche Gegenstände wegschließen.
Versprechen Sie keine Geheimhaltung, wenn Leben auf dem Spiel steht. Sie dürfen und sollen Hilfe holen, auch wenn die Person das in diesem Moment nicht möchte.
Ruhe in akuten Situationen
Bei Verwirrung, Angst oder Wahn hilft ein ruhiger Umgang:
- Langsam und in kurzen Sätzen sprechen.
- Reize verringern: Fernseher aus, nur eine Person spricht.
- Abstand halten, nicht festhalten, Fluchtwege offen lassen.
- Gefühle anerkennen, ohne Wahninhalte zu bestätigen oder zu widerlegen.
- Einfache, konkrete Angebote machen: „Wollen wir zusammen in die Klinik fahren?“
Vorsorgen mit einem Krisenplan
Viele Krisen kündigen sich an. Wer in einer stabilen Phase gemeinsam festhält, was in einer Krise hilft, kann schneller und passender reagieren. Ein Krisenplan enthält typischerweise:
- persönliche Frühwarnzeichen, etwa Schlafstörungen, Rückzug, Gereiztheit, bestimmte Gedanken,
- was in früheren Krisen geholfen hat und was geschadet hat,
- Namen und Telefonnummern von Ärztin, Therapeut, Klinik und Vertrauenspersonen,
- aktuelle Medikamente und Unverträglichkeiten,
- Wünsche für eine Behandlung, zum Beispiel bevorzugte Klinik,
- was mit Kindern, Haustieren, Arbeit und Wohnung passieren soll.
Der Plan gehört der erkrankten Person; Angehörige unterstützen beim Erstellen. Eine Kopie kann bei Vertrauenspersonen und, mit Einverständnis, bei den Behandlern liegen. Ergänzend sind Schweigepflichtentbindung, Vorsorgevollmacht und Behandlungsvereinbarung sinnvoll, die die Seite Recht und Vorsorge erklärt.
Nach der Krise
Eine akute Krise ist für alle Beteiligten erschöpfend. Nach einem Klinikaufenthalt oder einem Suizidversuch ist die Zeit danach oft besonders verletzlich. Fragen Sie in der Klinik nach Nachsorgeterminen und nehmen Sie sie gemeinsam wahr. Sprechen Sie, wenn die Lage ruhiger ist, darüber, was passiert ist und was beim nächsten Mal helfen könnte.
Vergessen Sie dabei nicht sich selbst. Angehörige, die eine Krise miterlebt haben, sind oft selbst traumatisiert, erschöpft oder voller Schuldgefühle. Sprechen Sie darüber, mit der Telefonseelsorge, in einer Angehörigengruppe oder mit Fachleuten. Weitere Anlaufstellen finden Sie unter Hilfe finden.
Mehr zu Psychische Krise
Fragen und Antworten
- Bringe ich jemanden auf die Idee, wenn ich nach Suizidgedanken frage?
- Nein. Das ist eine verbreitete Sorge, die nach dem Stand der Forschung unbegründet ist. Eine offene, ruhige Frage zeigt, dass Sie die Not ernst nehmen, und entlastet viele Betroffene. Fragen Sie direkt: „Denkst du daran, dir das Leben zu nehmen?“
- Darf ich die Polizei rufen, wenn mein Angehöriger keine Hilfe will?
- Wenn eine akute Gefahr für sein Leben oder für andere besteht, ja. Über den Notruf 112 oder die Polizei unter 110 wird dann geprüft, ob eine Einweisung nötig ist. Eine Unterbringung gegen den Willen ist nur unter engen gesetzlichen Voraussetzungen und mit richterlicher Kontrolle erlaubt.
- Was gehört in einen Krisenplan?
- Frühwarnzeichen, die sich in früheren Krisen gezeigt haben, was dann hilft und was schadet, Kontaktdaten von Ärztin, Klinik und Vertrauenspersonen, aktuelle Medikamente sowie Wünsche für eine mögliche Behandlung. Der Plan wird in einer stabilen Phase gemeinsam erstellt.
- Wer hilft mir als Angehörigem nach einer Krise?
- Die Telefonseelsorge ist auch für Angehörige da. Längerfristig helfen Angehörigengruppen, das SeeleFon des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen, der Sozialpsychiatrische Dienst und bei anhaltender Belastung eine eigene psychotherapeutische Unterstützung.
Quellen und Grundlagen
- TelefonSeelsorge Deutschland: Erreichbarkeit unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222
- Nationales Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro)
- Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention: Hinweise für Angehörige
- DGPPN: S3-Leitlinie Schizophrenie, Empfehlungen zu Krisenplänen und Rückfallprophylaxe
Diese Seite ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Sie erklärt allgemeine Zusammenhänge; wie es im Einzelfall weitergeht, klären Betroffene und Angehörige mit den behandelnden Fachleuten. Hinweise auf Fehler nehmen wir über die Kontaktseite gerne entgegen.
Weiterlesen
- Erste Schritte
Ansprechen, Hilfe anstoßen, Grenzen setzen und selbst gesund bleiben: Orientierung für die ersten Wochen.
- Hilfe finden
Wer im Hilfesystem wofür zuständig ist: von der Hausarztpraxis über den Sozialpsychiatrischen Dienst bis zur Klinik.
- Recht und Vorsorge
Schweigepflicht, Vorsorgevollmacht, rechtliche Betreuung und Unterbringung: was Angehörige wissen sollten.
Zuletzt überarbeitet am 27. Oktober 2026 von der Redaktion Lichtblick.