Psychische Erkrankungen im Überblick
Die häufigsten psychischen Erkrankungen aus Sicht von Angehörigen: Anzeichen, Verlauf, Behandlung.
Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen überhaupt. Fast jede Familie ist irgendwann direkt oder im Freundeskreis betroffen. Trotzdem wissen viele wenig darüber, wie sich die einzelnen Erkrankungen zeigen und was sie von einer vorübergehenden Krise unterscheidet. Dieser Überblick soll Angehörigen helfen, Veränderungen einzuordnen. Er ersetzt keine Diagnose: Ob und welche Erkrankung vorliegt, klären Fachleute in einem ausführlichen Gespräch.
Wie Fachleute psychische Erkrankungen einteilen
Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeuten ordnen Beschwerden nach festgelegten Kriterien ein. International gilt seit 2022 die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation; in Deutschland wird für die Abrechnung bislang weiterhin die ICD-10-GM verwendet. Eine Diagnose beschreibt ein Muster von Symptomen, das über eine bestimmte Zeit besteht und das Leben deutlich beeinträchtigt. Sie sagt nichts über den Wert eines Menschen und wenig über seinen weiteren Weg.
Für Angehörige ist eine Diagnose vor allem nützlich, weil sie den Zugang zu passender Behandlung öffnet und weil es zu fast jeder Erkrankung gute Informationen, Leitlinien und Selbsthilfegruppen gibt.
Die wichtigsten Krankheitsbilder
Depression
Eine Depression ist mehr als Traurigkeit. Typisch sind eine über mindestens zwei Wochen gedrückte Stimmung, der Verlust von Interesse und Freude sowie Antriebslosigkeit. Hinzu kommen oft Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit. Depressionen sind gut behandelbar, mit Psychotherapie, Medikamenten oder beidem. Mehr dazu auf der Seite Depression erkennen und begleiten.
Schizophrenie und andere Psychosen
Bei einer Psychose verändert sich das Erleben der Wirklichkeit. Betroffene hören zum Beispiel Stimmen, fühlen sich verfolgt oder ziehen Schlüsse, die für andere nicht nachvollziehbar sind. Daneben gibt es weniger auffällige Symptome wie Rückzug, Antriebsmangel und Konzentrationsprobleme. Die Schizophrenie beginnt meist im jungen Erwachsenenalter. Ausführlich: Schizophrenie verstehen.
Bipolare Störung
Bei der bipolaren Störung wechseln sich depressive Phasen mit Phasen gehobener oder gereizter Stimmung ab, den sogenannten manischen oder hypomanen Episoden. In einer Manie schlafen Betroffene kaum, haben viele Pläne, geben unter Umständen viel Geld aus und überschätzen sich. Für Angehörige sind diese Phasen besonders herausfordernd, weil die erkrankte Person sich selbst oft ausgesprochen gut fühlt. Eine langfristige Behandlung, häufig mit stimmungsstabilisierenden Medikamenten, kann Phasen seltener und milder machen.
Angststörungen
Angst ist ein normales Gefühl. Zur Störung wird sie, wenn sie ohne echte Gefahr auftritt, sehr stark ist und das Leben einschränkt. Dazu zählen Panikstörung, generalisierte Angststörung, soziale Phobie und spezifische Phobien. Angehörige meinen es oft gut, wenn sie angstauslösende Situationen abnehmen. Auf Dauer kann das die Angst aber verstärken. Angststörungen sprechen gut auf Psychotherapie, besonders kognitive Verhaltenstherapie, an.
Suchterkrankungen
Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten, Drogen oder Glücksspiel betrifft immer die ganze Familie. Kennzeichen sind ein starkes Verlangen, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen und das Weitermachen trotz schädlicher Folgen. Auch Verhaltenssüchte wie problematisches Computerspielen werden heute als Erkrankung anerkannt: Die ICD-11 führt die Computerspielstörung als eigene Diagnose. Suchtberatungsstellen beraten auch Angehörige, kostenfrei und vertraulich.
Essstörungen
Magersucht, Bulimie und die Binge-Eating-Störung beginnen häufig im Jugendalter. Warnzeichen sind auffälliges Essverhalten, starke Beschäftigung mit Gewicht und Figur, heimliches Essen oder Erbrechen sowie exzessiver Sport. Essstörungen können lebensbedrohlich werden, insbesondere die Magersucht. Eltern sollten früh die Kinder- und Jugendärztin oder eine spezialisierte Beratungsstelle einbeziehen.
Demenz
Demenzen sind Erkrankungen des Gehirns, bei denen Gedächtnis, Orientierung und Alltagsfähigkeiten nach und nach nachlassen. Im Alter ist die Abgrenzung zur Depression wichtig, weil auch eine Depression Gedächtnisprobleme verursachen kann und gut behandelbar ist. Eine fachärztliche Abklärung in einer Gedächtnissprechstunde schafft Klarheit.
Was den Erkrankungen gemeinsam ist
So unterschiedlich die Krankheitsbilder sind, einige Grundsätze gelten fast immer:
- Frühe Behandlung verbessert in vielen Fällen den Verlauf.
- Die wirksamste Behandlung kombiniert häufig mehrere Bausteine: Gespräche, gegebenenfalls Medikamente, soziale Unterstützung.
- Angehörige, die gut informiert sind, entlasten die erkrankte Person und sich selbst.
- Rückfälle sind kein Scheitern, sondern Teil vieler Verläufe. Ein vorab besprochener Krisenplan hilft.
- Suizidgedanken kommen bei vielen psychischen Erkrankungen vor und müssen immer ernst genommen werden.
Woran Sie erkennen, dass Abklärung nötig ist
Nicht jede schlechte Phase ist eine Erkrankung. Ein Anlass, ärztlichen Rat zu suchen, besteht vor allem dann, wenn Veränderungen länger als zwei Wochen anhalten, wenn Ihr Angehöriger Arbeit, Schule oder Haushalt nicht mehr bewältigt, wenn er sich deutlich zurückzieht, ungewöhnliche Dinge wahrnimmt oder äußert, nicht mehr leben zu wollen. Den Weg ins Hilfesystem beschreibt die Seite Hilfe finden. Wie Sie Veränderungen ansprechen, ohne Druck aufzubauen, steht unter Erste Schritte für Angehörige.
Begriffe, die oft verwechselt werden
Psychose und Persönlichkeitsspaltung: Schizophrenie bedeutet keine gespaltene Persönlichkeit. Der Begriff meint eine Spaltung zwischen Denken, Fühlen und Wahrnehmung.
Depression und Burn-out: Burn-out ist keine eigenständige Diagnose, sondern beschreibt einen Erschöpfungszustand im Zusammenhang mit der Arbeit. Hinter einem vermeintlichen Burn-out kann eine behandlungsbedürftige Depression stecken.
Psychisch krank und gefährlich: Menschen mit psychischen Erkrankungen sind weit häufiger Opfer als Täter von Gewalt. Das verbreitete Bild des gefährlichen Kranken ist ein Stigma, mit dem sich die Seite Stigma und Diskriminierung beschäftigt.
Mehr zu Krankheitsbilder
- Manische Phase begleiten
Frühzeichen einer Manie, Gesprächsregeln, Schutz vor finanziellen Folgen und der richtige Zeitpunkt für Hilfe.
- Schizophrenie
Was bei einer Psychose passiert, wie die Erkrankung verläuft und wie Familien Betroffene stärken können.
- Depression
Woran Sie eine Depression erkennen, wie sie behandelt wird und was Partner, Eltern und Kinder beitragen können.
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Verständnis zeigen, ohne die Angst zu füttern: Vermeidung, Rückversicherung und ein gemeinsamer Plan für kleine Schritte.
- Essstörung bei Jugendlichen
Warnzeichen erkennen, das erste Gespräch führen, ärztlich abklären lassen: Wie Eltern bei Magersucht, Bulimie und Essanfällen helfen.
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Wenn gut gemeinte Hilfe die Sucht stützt: Anzeichen von Co-Abhängigkeit, Alternativen und Hilfe für Angehörige und Kinder.
- Computerspielsucht
Wann aus viel Spielen eine Sucht wird: Kriterien der ICD-11, Warnzeichen im Alltag, Zahlen aus der Forschung und Hilfe für Familien.
Fragen und Antworten
- Wer darf eine psychische Erkrankung diagnostizieren?
- Diagnosen stellen Ärztinnen und Ärzte, insbesondere Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, sowie approbierte Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Grundlage ist ein ausführliches Gespräch, oft ergänzt durch Fragebögen und eine körperliche Untersuchung, um andere Ursachen auszuschließen.
- Sind psychische Erkrankungen erblich?
- Bei vielen Erkrankungen spielt eine genetische Veranlagung eine Rolle, etwa bei Schizophrenie oder bipolarer Störung. Vererbt wird aber nicht die Krankheit selbst, sondern eine erhöhte Anfälligkeit. Ob eine Erkrankung ausbricht, hängt von vielen weiteren Faktoren ab. Die meisten Kinder erkrankter Eltern erkranken nicht.
- Kann man eine psychische Erkrankung heilen?
- Das hängt von der Erkrankung und vom Einzelfall ab. Viele Depressionen und Angststörungen klingen mit Behandlung vollständig ab. Andere Erkrankungen verlaufen in Phasen oder chronisch, lassen sich aber so behandeln, dass ein gutes und selbstbestimmtes Leben möglich ist. Fachleute sprechen dann von Genesung im Sinne von Recovery.
Quellen und Grundlagen
- Weltgesundheitsorganisation: ICD-11, Kapitel psychische Störungen und Verhaltensstörungen
- BfArM: ICD-10-GM, Kapitel F (in Deutschland weiterhin für die Abrechnung genutzt)
- DGPPN: Basisdaten psychische Erkrankungen und S3-Leitlinien
- Robert Koch-Institut: Gesundheitsberichterstattung zur psychischen Gesundheit
Diese Seite ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Sie erklärt allgemeine Zusammenhänge; wie es im Einzelfall weitergeht, klären Betroffene und Angehörige mit den behandelnden Fachleuten. Hinweise auf Fehler nehmen wir über die Kontaktseite gerne entgegen.
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Zuletzt überarbeitet am 27. Oktober 2026 von der Redaktion Lichtblick.