Stigma

Werther-Effekt: Wie Berichterstattung über Suizide wirkt

Warum sensationelle Berichte über Suizide gefährden können und Geschichten über bewältigte Krisen schützen: Werther- und Papageno-Effekt.

Der Werther-Effekt beschreibt die Beobachtung, dass nach bestimmten Berichten über Suizide die Zahl der Suizide vorübergehend ansteigen kann. Das Risiko steigt vor allem dann, wenn Berichte sensationell aufgemacht sind, Einzelheiten schildern, prominente Personen betreffen oder den Suizid als nachvollziehbare Lösung darstellen. Umgekehrt können Geschichten über Menschen, die eine Krise überstanden haben, schützend wirken. Fachleute nennen das den Papageno-Effekt.

Wenn Sie selbst gerade an Suizid denken: Sie sind nicht allein, und es gibt Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. In akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112.

Woher der Begriff stammt

Johann Wolfgang von Goethe veröffentlichte 1774 den Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“. Die Hauptfigur nimmt sich aus unglücklicher Liebe das Leben. Das Buch wurde ein großer Erfolg, und zeitgenössische Berichte schilderten junge Männer, die Werthers Kleidung trugen und seinem Beispiel folgten. Einige Städte verboten den Roman zeitweise. Wie viele Nachahmungen es tatsächlich gab, lässt sich heute nicht sicher sagen.

Wissenschaftlich untersucht wurde das Phänomen erst rund zweihundert Jahre später. In den 1970er Jahren wertete ein US-amerikanischer Soziologe Suizidstatistiken aus und stellte fest, dass die Zahlen nach Berichten über Suizide auf Titelseiten vorübergehend anstiegen. Er prägte dafür den Begriff Werther-Effekt. Seitdem haben zahlreiche Untersuchungen in verschiedenen Ländern ähnliche Zusammenhänge gefunden, besonders nach Berichten über bekannte Persönlichkeiten.

Wie der Effekt erklärt wird

Ein Bericht über einen Suizid löst bei den meisten Menschen Betroffenheit aus, aber keine Gefahr. Anders kann es bei Menschen sein, die sich bereits in einer seelischen Krise befinden. Fachleute beschreiben mehrere Mechanismen:

  • Identifikation: Wer sich in der Lebenslage der beschriebenen Person wiedererkennt, kann den Suizid als möglichen Ausweg für sich selbst wahrnehmen.
  • Vorbild: Berichte, die einen Suizid als nachvollziehbar, mutig oder romantisch darstellen, können ihn als Handlungsmöglichkeit erscheinen lassen.
  • Verfügbarkeit: Detaillierte Schilderungen von Ort und Umständen können Menschen in einer Krise auf konkrete Gedanken bringen.
  • Vereinfachung: Wer einen Suizid auf einen einzelnen Auslöser zurückführt, etwa eine Trennung oder Mobbing, verdeckt, dass meist eine behandelbare psychische Erkrankung im Hintergrund steht.

Besonders gefährdet sind junge Menschen und Menschen mit psychischen Erkrankungen, vor allem Depressionen.

Der Papageno-Effekt

Im Jahr 2010 beschrieb eine Wiener Forschungsgruppe, dass Berichte über Menschen, die suizidale Gedanken hatten und eine Krise bewältigten, mit einem Rückgang der Suizidzahlen einhergehen können. Sie nannten das Papageno-Effekt, nach der Figur aus Mozarts „Zauberflöte“, die von drei Knaben von ihrem Vorhaben abgebracht wird, indem diese ihr Alternativen zeigen.

Die Botschaft solcher Geschichten lautet: Krisen gehen vorbei, Hilfe wirkt, und es gibt Menschen und Stellen, die unterstützen. Diese Botschaft kann für Menschen in einer Krise ein wichtiger Anstoß sein, sich Hilfe zu holen.

Was schadet, was schützt

Die Weltgesundheitsorganisation hat Empfehlungen für Medienschaffende veröffentlicht, die in vielen Ländern als Grundlage dienen. Sinngemäß lassen sie sich so zusammenfassen:

Eher schädlich Eher schützend
reißerische Überschriften, Platzierung auf der Titelseite sachliche, zurückhaltende Darstellung
Schilderung von Methode, Ort und Einzelheiten Verzicht auf Details zum Ablauf
Fotos der Person, Abschiedsbriefe, Trauerszenen Schutz von Privatsphäre und Angehörigen
Suizid als Lösung, als mutig oder romantisch darstellen auf Behandelbarkeit von Krisen und Erkrankungen hinweisen
einfache Erklärungen mit einem einzigen Auslöser Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen erklären
wiederholte Berichte über denselben Fall Geschichten über bewältigte Krisen
keine Hinweise auf Hilfe Hilfsangebote und Telefonnummern nennen

Was der Pressekodex vorsieht

Der Deutsche Presserat hat im Pressekodex unter Ziffer 8, die den Schutz der Persönlichkeit regelt, eine eigene Richtlinie zur Berichterstattung über Selbsttötung. Sie verlangt Zurückhaltung, insbesondere bei der Nennung von Namen und der Schilderung näherer Begleitumstände. Ausnahmen können bei Ereignissen der Zeitgeschichte gerechtfertigt sein, an denen ein öffentliches Interesse besteht. Der Presserat hat in der Vergangenheit wiederholt Rügen ausgesprochen, wenn Redaktionen gegen diese Grundsätze verstoßen haben.

Viele Redaktionen in Deutschland verzichten deshalb in der Regel darauf, über Suizide zu berichten, solange kein besonderes öffentliches Interesse besteht, und setzen unter entsprechende Beiträge einen Kasten mit Hilfsangeboten.

Fiktion, Serien und soziale Medien

Die Diskussion beschränkt sich nicht auf Nachrichten. Auch Filme, Serien, Bücher und Inhalte in sozialen Netzwerken können wirken, besonders auf Jugendliche. In den vergangenen Jahren haben Serien über Suizid von Jugendlichen zu einer breiten Debatte unter Fachleuten geführt. Inzwischen versehen viele Produktionen und Plattformen solche Inhalte mit Warnhinweisen und Verweisen auf Hilfsangebote.

In sozialen Netzwerken fehlt zudem oft die redaktionelle Prüfung. Inhalte verbreiten sich schnell, werden geteilt und kommentiert, und Hinweise auf Hilfe fehlen. Wer dort auf belastende Beiträge stößt, kann sie in vielen Netzwerken melden; die Plattformen haben dafür eigene Verfahren.

Für Eltern bedeutet das nicht, jedes Thema zu verbieten. Hilfreicher ist es, mit Jugendlichen über das zu sprechen, was sie sehen und lesen, und dabei offen nach ihrem eigenen Befinden zu fragen.

Wenn Nachrichten Sie selbst belasten

Berichte über Suizide, besonders über bekannte Menschen, können auch Leserinnen und Leser treffen, die selbst gerade eine schwere Zeit erleben oder einen Menschen durch Suizid verloren haben. Es ist in Ordnung, solche Beiträge nicht zu Ende zu lesen, Kommentarspalten zu meiden und Benachrichtigungen für eine Weile abzuschalten. Sprechen Sie mit jemandem, dem Sie vertrauen, wenn ein Bericht Sie aufwühlt. Wenn eigene dunkle Gedanken lauter werden, ist das ein Grund, sich noch am selben Tag Unterstützung zu holen, etwa bei der Telefonseelsorge oder in der Hausarztpraxis.

Nach einem Suizid im Umfeld

Wer einen Menschen durch Suizid verloren hat, trägt eine besondere Trauer, oft verbunden mit Fragen nach dem Warum, mit Schuldgefühlen und dem Gefühl, mit niemandem darüber sprechen zu können. Hinterbliebene haben selbst ein erhöhtes Risiko, in eine Krise zu geraten. Für sie gibt es eigene Angebote, etwa Selbsthilfegruppen für Suizidhinterbliebene, die der Verein AGUS bundesweit vermittelt, sowie Trauerbegleitung und Beratung. Auch in Schulen und Betrieben hilft nach einem Suizid ein ruhiger, sachlicher Umgang mit Hinweisen auf Unterstützung mehr als Schweigen oder ausführliche Schilderungen.

Was das für Angehörige bedeutet

Aus dem Werther-Effekt folgt nicht, dass man über Suizid schweigen sollte. Das Gegenteil ist richtig: Schweigen und Tabus erschweren es Menschen in einer Krise, sich anzuvertrauen. Der Unterschied liegt zwischen sensationeller Darstellung und einem ehrlichen, zugewandten Gespräch. Wenn Sie sich um einen Menschen sorgen, fragen Sie ruhig und direkt, ob er an Suizid denkt. Eine solche Frage bringt niemanden auf die Idee, sondern zeigt, dass Sie bereit sind zuzuhören. Wie Sie ein solches Gespräch führen, erklärt der Artikel Suizidgedanken ansprechen.

Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Thema ist auch ein Beitrag gegen Stigmatisierung. Wer psychische Erkrankungen als behandelbar darstellt, macht es leichter, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mehr dazu lesen Sie auf der Seite Stigma.

Hilfe in einer Krise

Wenn Sie selbst oder ein Mensch in Ihrer Nähe an Suizid denkt, holen Sie Hilfe. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Außerhalb der Sprechzeiten von Arztpraxen erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. In akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112. Weitere Hinweise für den Ernstfall finden Sie auf der Seite Psychische Krise.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Woher kommt der Name Werther-Effekt?
Der Name geht auf Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ von 1774 zurück, in dem sich die Hauptfigur das Leben nimmt. Nach Erscheinen des Buches wurde über Nachahmungen berichtet. Der Begriff selbst wurde in den 1970er Jahren in der Forschung geprägt, als Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen Medienberichten und Suizidzahlen statistisch untersuchten.
Was ist der Papageno-Effekt?
Der Papageno-Effekt beschreibt die schützende Wirkung von Berichten, in denen Menschen eine suizidale Krise überwinden und zeigen, dass Hilfe möglich ist. Benannt ist er nach der Figur Papageno aus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“, die von Suizidgedanken abgebracht wird, weil andere ihr Alternativen aufzeigen.
Macht es gefährlicher, wenn ich mit jemandem über Suizid spreche?
Nein. Der Werther-Effekt betrifft vor allem sensationelle Darstellungen in Medien, nicht das persönliche Gespräch. Ein offenes, ruhiges Nachfragen bei einem Menschen in einer Krise bringt ihn nicht auf die Idee, sondern entlastet ihn oft. Wichtig ist, dabei auf Hilfsangebote hinzuweisen und im Zweifel professionelle Hilfe einzubeziehen.
Gilt der Werther-Effekt auch für Serien und soziale Medien?
Fachleute gehen davon aus, dass die Grundsätze auch für Filme, Serien und soziale Medien gelten. Gerade bei jungen Menschen werden fiktionale Darstellungen und Inhalte in sozialen Netzwerken intensiv diskutiert. Viele Plattformen und Produktionen ergänzen Inhalte deshalb um Warnhinweise und Hilfsangebote.

Quellen und Grundlagen

  • Weltgesundheitsorganisation: Leitfaden zur Suizidprävention für Medienschaffende
  • Deutscher Presserat: Pressekodex, Ziffer 8, Richtlinie zur Berichterstattung über Selbsttötung
  • Nationales Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro): Empfehlungen zur Berichterstattung
  • Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention

Diese Seite ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Sie erklärt allgemeine Zusammenhänge; wie es im Einzelfall weitergeht, klären Betroffene und Angehörige mit den behandelnden Fachleuten. Hinweise auf Fehler nehmen wir über die Kontaktseite gerne entgegen.

Zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026 von der Redaktion Lichtblick.